Vorsorgeuntersuchungen

U1: Die erste Vorsorge

Diese erste Untersuchung wird direkt nach der Geburt durchgeführt. Folgende Funktionen werden untersucht: Herz und Lunge, die Haut auf ihre Durchblutung  sowie Muskelspannung und angeborene Reflexe. Diese Untersuchung wird auch als  APGAR- Test, (so genannt nach der amerikanischen Ärztin Virginia Apgar) bezeichnet. Hierbei werden  in Abständen von einer, fünf  und zehn Minuten nach der Geburt jeweils 0 bis 2 Punkte für fünf verschiedene Aspekte des Allgemeinzustandes des gerade eben Neugeborenen vergeben, und zwar für die Atmung (A), den Puls (P), die Reflexe beim Absaugen (G für "Grimassieren"), die Farbe der Haut (A für englisch "appearance") sowie für den Muskeltonus (R). In Krankenhäusern wird oft auch aus einigen Tropfen Nabelschnurblut der pH-Wert des Blutes und andere Parameter bestimmt, um einen objektiveren Wert für den Zustand des Kindes zu erhalten. Ist ein Kinder- und Jugendarzt anwesend, wird er eine eingehendere Untersuchung des Kindes vornehmen. Das Neugeborene erhält immer Vitamin K-Tropfen, um Blutgerinnungsstörungen vorzubeugen.

U2: 5. bis 10. Lebenstag

Diese Untersuchung wird oft noch in der Klinik durchgeführt, oder nach Entlassung des Kindes aus der Klinik, auch schon von einem niedergelassenen Kinderarzt. Dabei werden  Herz, Lunge, Bauchraum, Geschlechtsteile, Haut und Knochen untersucht sowie Verdauungstätigkeit und Reflexe des Nervensystems überprüft. Außerdem wird das Sehvermögen beurteilt. Zeigen sich Auffälligkeiten bei Haltung oder Motorik kann eine weiterführende Diagnostik oder Therapie sinnvoll sein.
Außerdem wird dem Kind am 5. Lebenstag aus der Ferse Blut abgenommen für einen speziellen Stoffwechseltest ( Guthrie - Test ). Hiermit können schwerwiegende Stoffwechsel- und Hormonstörungen wie Schilddrüsenunterfunktion, Eiweißstoffwechselerkrankungen wie Phenylketonurie, oder auch die Zuckerstoffwechselerkrankung Galaktosämie frühzeitig festgestellt werden. Weiterhin erhält der Säugling die zweite Gabe des Vitamin K zur Gerinnungsprophylaxe.

Da viele Mütter das Entbindungskrankenhaus frühzeitig verlassen ( nach ambulanten Geburten ) müssen sie besonders darauf achten, die Neugeborenen- Basisuntersuchung nicht zu versäumen.

Schließlich wird zur Rachitis- und Karies-Prophylaxe ab dem 10. Lebenstag die Gabe von Vitamin D und Fluor empfohlen.

U3: 4. bis 7. Lebenswoche

Der Kinder- und Jugendarzt kontrolliert, ob sich das Kind in den vergangenen Wochen gut entwickelt hat. Gründlich überprüft er die Körperfunktionen, das Hörvermögen und die angeborenen Reflexe. Bei dieser Vorsorge werden die Hüftgelenke auch mittels Ultraschall auf  Entwicklungsstörungen und Fehlbildungen untersucht.

Die Eltern werden über Probleme und Auffälligkeiten beim Trinken, der Verdauung oder des Schlafens befragt.  Wichtig ist die Mitteilung der Eltern über die Auffälligkeiten, die sie bei der bisherigen Entwicklung ihres Kindes festgestellt haben.

Der Säugling erhält die dritte und letzte Gabe  Vitamin- K zur Gerinnungsprophylaxe.

Bei der U3 werden auch die meisten Kinder- und Jugendärzte auf die von der neunten Lebenswoche möglichen und von der STIKO empfohlenen Schutzimpfungen hinweisen.

U4: 3. bis 4. Lebensmonat

Neben einer gründlichen Untersuchung von Organen und Geschlechtsteilen überprüft der Kinder- und Jugendarzt das Hör- und Sehvermögen des Kindes.  Während dieser Untersuchung kann der Arzt durch Sprechen, Lächeln oder Spielen erstmals einen "direkten sozialen Kontakt" zu dem Säugling herstellen, der von diesem beantwortet wird. Voraussetzung für einen "normalen Kontakt" sind natürlich ein normal entwickeltes Seh- und Hörvermögen.  So sollte etwa das Richtungshören sowie die Hand-Augen-Koordination funktionieren, wobei die Hand noch das Auge führt. Erst ab dem 4. Lebensmonat beginnt die Hand dem Auge zu folgen.
Insgesamt können für die U4 folgende "entwicklungsneurologische Meilensteine" genannt werden:

  • folgt in Rückenlage mit den Augen und dem Kopf um 180°
  • hält in unterstütztem Sitz den Kopf 30 Sekunden in Mittellage
  • kann sicher symmetrischen Unterarmstütz in Bauchlage
  • führt die Hände in Rücken- oder Mittellage spontan zusammen  und greift beidseits nach vorgehaltenem Spielzeug
  • hält seitengleich den Kopf bei Traktion aus Rückenlage und spontaner Rumpfneigung aus dem Sitz zu beiden Seiten
  • streckt die Beine in "gehaltenem Stand"
  • zunehmendes Verschwinden der Primitivreflexe,  lacht und quietscht stimmhaft

Darüber hinaus wird die Sprachentwicklung überprüft. Nach dem 3. Lebensmonat sollte nämlich, neben einer Variation der Schreistärke, auch eine zunehmende Differenzierung der Tonhöhe wahrzunehmen sein.

Erfolgte die erste Impfung gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Kinderlähmung, Haemophilus influenzae Typ b ( Hib), und Hepatitis B wie empfohlen in der neunten Lebenswoche, kann bei der U4 oft schon die zweite Impfung erfolgen.

U5: 6. bis 7. Lebensmonat

Neben der allgemeinen Untersuchung der Körperfunktionen stehen vor allem die Überprüfung der Beweglichkeit  und Körperbeherrschung im Vordergrund. Das Hauptaugenmerk richtet der Kinderarzt auf die Koordination der Hände, da diese das Beherrschen komplexer Funktionen (z. B. räumliches Sehen) voraussetzt. Wichtig sind außerdem die Sprache ( Lautieren ) sowie die soziale Interaktion zwischen Eltern und Säugling.
Der Kinder und Jugendarzt kontrolliert, ob sich der Säugling in Bauchlage auf  seine Arme stützen kann und ob er sich hochziehen kann, wenn er an zwei Fingern gehalten wird. Der Säugling sollte in Sitzposition seinen Kopf halten können und in der Lage sein, gezielt nach Gegenständen  zu greifen.
Erneut wird auch das Seh- und Hörvermögen überprüft. In dieser Altersstufe sollten Säuglinge ihre Stimme bewusst einsetzen können, um Beachtung zu finden. Auf Zuruf sollten sie eindeutig reagieren und auch Musik wird wahrgenommen. Bei Auffälligkeiten sollte ein Päd- Audiologe konsultiert werden, der speziell für Gehör und Stimme des Kindes ausgebildet ist.
Was das Sehvermögen betrifft, so sollte jetzt unter anderem die Augen-Hand-Koordination funktionieren. Im Gespräch mit den Eltern wird der Arzt versuchen, auf eventuelle Unzulänglichkeiten bei Ernährung und Pflege oder im sozialen Umgang aufmerksam zu machen.
Wenn alle Impfungen zeitgerecht gegeben wurden, sollten alle drei Impfungen der Grundimmunisierung gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Kinderlähmung, Haemophilus influenzae Typ B (Hib ) und Hepatitis B bis zum fünften Monat gegeben worden sein. Etwa zwei Wochen nach der dritten Dosis ist das Kind dann vor sechs potentiell tödlichen Krankheiten sicher geschützt.

U6: 10. bis 12. Lebensmonat

Dies ist die letzte Vorsorgeuntersuchung im Säuglingsalter - die folgende U7 steht erst ein ganzes Jahr später an. Im Mittelpunkt der U6 stehen die Prüfung der Feinmotorik sowie der sozialen Kontakte. Außerdem müssen Hör- und Sehstörungen mit entsprechenden Tests ausgeschlossen werden. Darüber hinaus wird erneut die Neigung zu Allergien durch Befragen der Eltern ermittelt.
Neben allgemeinen Untersuchungen der Körperfunktionen stehen erneut die Überprüfung der Beweglichkeit und Körperbeherrschung im Vordergrund.  Der Kinder- und Jugendarzt kontrolliert, wie das Kind sitzt und ob es bereits stehen kann. Außerdem werden die sprachliche Entwicklung und das allgemeine Verhalten beurteilt.
Die Eltern werden an die folgenden Auffrischungsimpfungen erinnert.
Im zweiten Lebensjahr wird die Auffrischung der Grundimmunisierung  gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Kinderlähmung, Haemophilus influenzae Typ b (Hib) und Hepatitis B durchgeführt sowie ab dem 12. Lebensmonat die erste Impfung  gegen  Mumps-, Masern-, Röteln (MMR) gegeben.

U7: 20. bis 24. Lebensmonat

Kurz vor dem 2. Geburtstag findet die U7 statt.  Neben den allgemeinen Untersuchungen der Körperfunktionen steht vor allem die Überprüfung der geistigen Entwicklung im Vordergrund. Um den 2. Geburtstag herum stehen Kinder in einer Umbruchphase, da der psychologische Lösungsprozess von den Eltern beginnt und sich die erste Trotzphase einstellt. Inhaltlich beschäftigt sich die U7 hauptsächlich mit der Beurteilung der Sprach- und Hörentwicklung, der motorischen Fähigkeiten sowie der Entwicklung des Sozialverhaltens.
Zur Einschätzung des Sprach- und Hörvermögens werden einerseits die Eltern befragt, andererseits aber auch verschiedene Tests durchgeführt.
Die motorischen Fähigkeiten werden durch Beobachtung beim Spielen sowie durch kleine Aufgaben überprüft.
Was das Sozialverhalten betrifft, so stehen die Beurteilung der Selbstständigkeit und der Interaktionsfähigkeit des Kindes im Mittelpunkt der U7. Der Arzt wird diese besonders durch Befragen der Eltern einzuschätzen versuchen.
Weiterhin kontrolliert der Kinder- und Jugendarzt die Milchzähne und holt eventuell versäumte Impfungen nach.

U8: 44. bis 48. Lebensmonat

Das Kind wird auch bei dieser Vorsorge internistisch gründlich untersucht. Erneut werden  Sprach- und Hörvermögen getestet. Wichtigste Grundvoraussetzung für eine normale Sprachentwicklung ist eine unbeeinträchtigte Hörfunktion. Erstmals werden bei der U8 auch umfangreichere Sehtests durchgeführt. Spätestens jetzt sollte jedes Kind 100% Sehschärfe erreicht haben.
Weiterhin erfolgen Testungen der Sensomotorik mit verschiedenen Entwicklungstesten. Der Kinder- und Jugendarzt beurteilt die geistige Entwicklung und informiert sich bei den Eltern über das Sozialverhalten. Zeigt das Kind Entwicklungsverzögerungen, klärt der Kinder- und Jugendarzt die Eltern über therapeutische Fördermaßnahmen auf.  Der Impfstatus wird überprüft und eventuell notwendige Impfungen aufgefrischt.

U9: 60. bis 66. Lebensmonat

Die U9 ist die letzte Vorsorgeuntersuchung im frühen Kindesalter. Neben Untersuchungen der Organfunktionen werden besonders das Seh- und Hörvermögen sowie die grob- und feinmotorische Entwicklung getestet.  Aber auch die Überprüfung der Körperhaltung, Fußstellung sowie die geistige, seelische und soziale Entwicklung stehen bei dieser Vorsorgeuntersuchung im Vordergrund. Der Kinder- und Jugendarzt  beurteilt sowohl das Sprachvermögen und Sozialverhalten als auch die Intelligenz des Kindes. Zeigt das Kind Entwicklungsverzögerungen, klärt der Kinder- und Jugendarzt  die Eltern über notwendige therapeutische Fördermaßnahmen auf. Er äußert sich zu der zu erwartenden Schulreife des Kindes. Notwendige Impfauffrischungen werden nachgeholt.

J1: zwischen dem 12. und 14. Lebensjahr

Diese Vorsorgeuntersuchung bietet für Eltern nun letztmalig die Gelegenheit, den allgemeinen Gesundheits- und Entwicklungsstand ihrer Kinder vom Kinder- und Jugendarzt überprüfen zu lassen. Vor allem auf Grund der zunehmenden gesellschaftlichen Probleme (z. B. Lehrstellenmangel) herrscht bei manchen Jugendlichen eine Perspektivlosigkeit vor, die zu gesundheitsgefährdendem Verhalten (z. B. Drogenmissbrauch) führen kann. Auch sind psychosomatische Erkrankungen sowie ein Anstieg der generellen Gewaltbereitschaft in diesem Alter zu beobachten. Daher wird die Untersuchung bei der J1 zu einem großen Teil aus einem Gespräch bestehen, in dem der Arzt versucht, die psychische Verfassung des Jugendlichen zu beurteilen. Fragen nach dem Gesundheitsverhalten (Rauchen, Sexualkontakte, Ernährung, Sport, Hygiene etc.) und der schulischen Leistung sind dabei ebenso wichtig wie die Einschätzung der Familiendisposition (Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Verwandten etc.). Sofern ein ausreichendes Vertrauensverhältnis zwischen dem Arzt und dem Jugendlichen besteht, können auch pubertätsspezifische Probleme besprochen werden. Weiterhin wird im Rahmen der J1 der Impfstatus des Patienten bestimmt, fehlende Impfungen aufgefrischt und an eine ausreichende Jodzufuhr erinnert.
Eine umfassende internistische Untersuchung zur Überprüfung der Organfunktionen ist Hauptbestandteil der J1. Weiterhin werden erneut Hör- und Sehvermögen getestet, die Skelettentwicklung und die Körperhaltung untersucht, Blutdruck/ Puls gemessen, Urin analysiert, der Pubertätsstatus beurteilt.  Eine Blutuntersuchung wird beim Vorhandensein von eventuellen familiären Risikofaktoren  (familiär gehäufte Erkrankungen) durchgeführt.
Eltern sollten also ihre Kinder aus den genannten Gründen ermuntern zur J1 zu gehen. Der Kinder- und Jugendarzt hat dazu oftmals separate Jugendsprechstunden oder zumindest eigene Wartebereiche eingerichtet, wo die angehenden Jugendlichen auch Gleichaltrige treffen und so die Scheu vor dem Arztbesuch verlieren. Eine elterliche Begleitung zur J1 ist möglich, die Eltern sollten mit den Jugendlichen gemeinsam abwägen, ob  die Untersuchung mit oder ohne elterliche Begleitung stattfinden soll.